Wacom MobileStudio Pro: 3D-Scanning mit Intel RealSense R200 im Test

Vor einiger Zeit schrieb ich eine Vorschau zum Wacom MobileStudio Pro, nachdem ich die Vorstellung des Tablets in Amsterdam besucht hatte. Nun folgt mein Praxistest, nachdem ich die höchste Ausstattungsvariante einige Wochen ausprobieren konnte.

Zur Klarstellung: Dies ist kein allgemeiner Test des Wacom MobileStudio Pro. Davon gibt es genug. Hier bewerte ich die Intel-RealSense-R200-3D-Kamera, die in den 512GB-Versionen des 13-Zoll- und 16-Zoll-Tablets steckt, und meine Erfahrungen beim 3D-Scannen mit diesem Tiefensensor und verschiedener Software.

Das Wacom MobileStudio Pro für 3D-Künstler

Vielleicht wissen Sie, dass mein Hintergrund in kreativer Gestaltung und Produktion liegt, vor allem 3D-Animation und visuellen Effekten. Seit über 15 Jahren nutze ich Wacom Intuos. Im Studio steht außerdem ein Cintique 13HD, mit dem mein Mitgründer, Art Director und 3D-Scan-Testmodell Patrick arbeitet. Er besitzt auch das 27-Zoll-Cintique.

Wacom bot früher das Cintique Companion an, ein anschließbares Stiftdisplay mit zusätzlich eingebauter Computerhardware. Es gab Windows- und Android-Versionen. MobileStudio Pro ist dessen nächste Generation. Es kommt nur mit Windows 10, lässt sich über eine optionale Anschlussbox aber weiterhin mit einem externen PC oder Mac verbinden.

Wacom-Tablets mit und ohne Bildschirm gehören zur Standardausstattung von 2D-Illustratoren und 3D-Bildhauern. Während die Cintique Companions für Letztere etwas schwach ausfielen, sind die neuen MobileStudio-Pro-Geräte, im Folgenden MSP, besser für Arbeit in der dritten Dimension ausgestattet.

Die mobilere 13-Zoll-Version besitzt lediglich Intel-Iris-550-Grafik, die immerhin einen ordentlichen durchschnittlichen CineBench-Wert von 52.6 (31%) erzielt. Die 16-Zoll-Versionen bieten dagegen eine Nvidia Quadro M800M im 256Gb-Modell oder eine M1000M im getesteten 512GB-Modell. Letztere erreicht einen durchschnittlichen CineBench-Wert von 95.9 (57%). Wenn Ihre 3D-Software von Hardwarebeschleunigung profitiert, was bei den meisten Programmen der Fall ist, passt die 16-Zoll-Version vermutlich besser.

Kurzer allgemeiner Eindruck

Bei der 16-Zoll-Version fallen zuerst Größe und Gewicht auf. Die Größe kommt dem wunderbaren matten 4K-Display zugute: Es sieht beeindruckend aus und lässt sich sowohl mit dem neuen Pro Pen 2 als auch per Touch überwiegend angenehm bedienen. Ausnahmen sind Programme ohne Optimierung für hochauflösende Displays, deren Schaltflächen zu klein ausfallen können.

Die Abmessungen von 418 x 262 x 19 mm beziehungsweise 16.5 x 10.3 x 0.75 Zoll und das Gewicht von 2200 g beziehungsweise 4.85 lbs – 20% mehr als ein 15-Zoll-MacBook-Pro – lassen mich jedoch fragen, wie mobil dieses Studio wirklich ist. In meine normale 15-Zoll-Samsonite-Laptoptasche passte es nicht. Selbst in die recht große Crumpler „Very Busy Man“ musste ich es hineinzwängen. Für dieses Tablet braucht man einen großen Rucksack. Da weder Hülle noch Tasche beiliegen, sollte man vor dem Transport an den Displayschutz denken.

Das MSP funktioniert ausgezeichnet, und 16 Zoll wären für ein Stiftdisplay im Studio angenehm. Dafür könnten wir aber einfach das neue Cintiq Pro 16 Zoll für $1499 kaufen. Es hat denselben Bildschirm, jedoch keinen eingebauten Computer und keine Express-Tasten, und lässt sich an vorhandene Macs oder PCs anschließen.

Größenvergleich: Ein iPad mini mit angeschlossenem Structure Sensor liegt auf dem MobileStudio Pro 16.

Abgesehen von Größe und Gewicht ist das Gerät schön gestaltet. Bei diesem Preis, siehe unten, hätte ich allerdings einen Standfuß oder eine Hülle erwartet – wenigstens aber einen USB-auf-USB-C-Adapter zum Anschließen von Zubehör. Auch das Netzteil nutzt übrigens USB-C und ist recht handlich.

Preis

Ein kurzer Vergleich:

  • Das 13-Zoll-MobileStudio-Pro mit i7, 512GB SSD und 3D-Kamera kostet $2499.
  • Das 16-Zoll-MobileStudio-Pro mit i7, 512GB SSD, Quadro M1000M und 3D-Kamera kostet $2999.
  • Das 16-Zoll-MobileStudio-Pro mit i5, 256GB SSD und Quadro M800M ohne 3D-Kamera kostet $2399.

Ehrlich gesagt wird niemand allein für die 3D-Kamera $600 mehr für das Spitzenmodell ausgeben. Der schnellere i7 und der doppelte Speicher dürften den Aufpreis für die meisten Profis bereits rechtfertigen. Wie viel schneller die Quadro M1000M als die M800M ist, weiß ich nicht; vermutlich ist sie aber schneller.

Die 3D-Kamera gibt es also praktisch gratis dazu. Ist sie auch ein schönes und nützliches Geschenk? Finden wir es heraus.

3D-Kamera

Zusätzlich zu Quadro-Grafik hat Wacom in die 512GB-Modelle beider Größen eine 3D-Kamera eingebaut. Der Sensor stammt von Intel und heißt RealSense R200. Diesen RealSense hatte ich noch nicht getestet. Er ergänzt daher meine bisherigen Tests von RealSense F200 und RealSense SR300.

Die Kameraleiste auf der Rückseite des MobileStudio Pro enthält ganz links Wacoms eigene 8MP-RGB-Kamera, die nicht für 3D-Scans genutzt wird. Es folgen die erste IR-Kamera des R200, dessen RGB-Kamera, der IR-Laserprojektor und ganz rechts die zweite IR-Kamera. Die Aufnahme darunter ist für den optionalen Standfuß.

Der R200 erschien 2015 und sollte als rückwärtige Kamera in Windows-Tablets eingebaut werden. Er ist damit etwas älter als der SR300 von 2016, der sich in meinen Tests als recht leistungsfähiger 3D-Scansensor erwies, besonders für Objekte.

Während der SR300 eine RGB-Kamera für Farbtexturen mit einer einzelnen Infrarotkamera für Tiefe kombiniert, verwendet der R200 zwei IR-Kameras. Auch die Reichweite unterscheidet sich: Der SR300 scannt in 0.15m – 1.5m Abstand, der R200 in 0.5m bis 5m. Theoretisch eignet sich der SR300 daher besser für Objekte aus kurzer Distanz. Warum Wacom nicht diesen neueren Sensor eingebaut hat, ist mir unklar.

Mitgelieferte Software

Kostenlose Softwarepakete gehören seit jeher zu Wacoms Marketing. Für 3D-Künstler liegt die Charakteranimationssoftware MoSketch bei. Für 3D-Scanning wird MobileStudio Pro mit Artec Studio 11 Ultimate gebündelt, das ich bereits beim Test des Artec Eva, eines professionellen Handscanners, ausführlich geprüft habe.

Es gibt eine schöne Einführungsanimation speziell zum 3D-Scannen mit dem Wacom MobileStudio Pro:

Ich habe viele 3D-Scanprogramme getestet, darunter etliche noch nicht auf dieser Website besprochene. Artec Studio 11 gehört zu den besten und vollständigsten Paketen am Markt. Mit den eigenen Scannern funktioniert es ausgezeichnet; dafür genügt die Professional-Version. Ultimate ergänzt vor allem Unterstützung für Tiefensensoren anderer Anbieter wie Intel RealSense.

3D-Scanning mit Artec Studio 11 Ultimate auf dem Wacom MobileStudio Pro 16.

Das Wacom-Paket hat allerdings einen Haken: Beim Kauf erhalten Sie nur ein einjähriges Softwareabonnement. Das nächste Jahr kostet €800, vermutlich ungefähr denselben Betrag in Dollar.

Für Scanning mit einem einzelnen Tiefensensor finde ich das überdimensioniert. Ich betone einzeln, denn Artec Studio 11 Ultimate kann auch mehrere 3D-Sensoren gleichzeitig verwenden. Ich las von Projekten, in denen 8 ASUS-Xtion-Pro-Sensoren angeschlossen wurden, um Menschen in einem Durchgang zu erfassen. Mit RealSense funktioniert das übrigens nicht.

Unabhängig vom Preis erscheint mir Artec Studio für sensorbasiertes Scannen generell etwas überdimensioniert, besonders für Einsteiger. Für professionelle Software ist es sehr übersichtlich, doch die Animation vereinfacht den Ablauf zu stark. Die Oberfläche ist zudem nicht für Tablets optimiert und per Touch schwierig. Obwohl die Animation Veröffentlichung auf Sketchfab bewirbt – der schnell wachsenden 3D-Präsentationswebsite mit inzwischen über 100 Millionen Nutzern –, konnte ich aus der Software nur direkt zu Artecs eigener Plattform hochladen. Alle Einbettungen dieses Beitrags sind manuell hochgeladene .OBJ-Exporte.

Weitere Software

Sie müssen Artec-Software für diesen Sensor jedoch nicht verwenden. Einige kostenlose Alternativen unterstützen ebenfalls den RealSense R200.

Ich testete das MSP auch mit 3D Systems’ kostenloser Software Sense for RealSense, die ich zuvor mit dem Sense 2 mit RealSense SR300 und dem XYZ-Scanner mit RealSense F200 getestet hatte.

Wenn Sie meinen Structure-Sensor-Test gelesen haben, wissen Sie, dass ich die itSeez3D-Scansoftware für iPad sehr schätze. Sie erzeugt bessere Scans als die Standard-App. Der Entwickler bietet auch eine Windows-Version speziell für RealSense R200 an. Leider scannt diese nur Menschen, keine Objekte. Für einen Vergleichstest fand ich dennoch einen kleinen Trick.

Auch ReconstructMe wollte ich testen. Die App stürzte jedoch nach Auswahl des Sensors im Einstellungsmenü ab.



Ergebnisse

Zuerst einige Scans derselben 40 cm hohen Steinbüste mit verschiedenen Programmen. Das kleine Softbox-Lichtset mit 200 Watt reichte für diesen Sensor nicht. Ich musste mein großes Studioset mit 2500 Watt aufbauen, um halbwegs brauchbare Scans zu erhalten. Welche Lichtsets ich nutze, steht hier. Das Hauptproblem ist die RGB-Kamera des RealSense R200: Sie ist wenig lichtempfindlich und rauscht stark, was die Texturqualität erheblich beeinträchtigt. Wie die meisten Infrarot-Tiefensensoren eignet sich der R200 nicht für draußen. Selbst bei Bewölkung stört das natürliche Infrarotlicht der Sonne den Sensor.

Das seitlich herausragende Teil ist der abnehmbare Stifthalter.

Artec Studio 11 Ultimate

Artec bietet zwei Wege zum 3D-Modell: Nachbearbeitung roher Scandaten und Real Time Fusion, kurz RTF. Ich probierte beide mit derselben Scanaufnahme aus. RTF liefert nach dem Scan sofort ein Netz, das aber noch texturiert werden muss. Beim folgenden RTF-Modell dauerte allein die Texturierung auf dem i7 über 20 Minuten. Zum Vergleich: Das komplette Modell aus Rohdaten zu berechnen dauerte mit 30 Minuten nur wenig länger.

Ich erstelle immer mehr Testscans, als ich im Artikel zeige. Hier dient hauptsächlich die Büste dem Vergleich. Andere Motive ließen sich mit Artec Studio 11 Ultimate problemlos aufnehmen, aber nicht alle Scans mit Autopilot verarbeiten:

Ein solcher Fehler sagt etwas über die Qualität des RealSense R200 aus.

Die Büste funktionierte immerhin in beiden Verarbeitungsmodi. Hier das texturierte RTF-Modell:

https://sketchfab.com/models/dbc44bfadc3840799de5998855eab672

Und hier das Ergebnis nach Verarbeitung der Rohdaten mit Autopilot:

https://sketchfab.com/models/8023dfc986b9469eab146821bbf905ac

Bei Artec-Eva-Scans kann nachträgliche statt Echtzeitfusion mehr Details liefern. Beim R200 sind die Ergebnisse dagegen ungefähr gleich. Sowohl Geometriedetails als auch Texturqualität sind ziemlich schwach. Für die Geometrie wählen Sie in Sketchfab MatCap. Wer noch keine Scanning-Erfahrung hat und es erstmals auf dem MSP ausprobiert, dürfte enttäuscht sein.


MobileStudio Pro mit einem externen Artec-3D-Scanner verwenden

Da das leistungsfähige Tablet Artec-Software ausführt, können Sie natürlich auch einen professionellen Artec-Scanner wie Eva oder Space Spider anschließen. Beachten Sie dabei, dass sich die 16-Zoll-Version kaum einhändig halten lässt. Die 13-Zoll-Version passt vermutlich besser. Die Artec-Software benötigt auch keine Nvidia Quadro. Ich erzwang testweise die Ausführung auf der Intel Iris 550; das funktionierte problemlos. Ich empfehle allerdings das höher ausgestattete 13-Zoll-Modell mit i7 und 16GB RAM. Beim Test des Artec Eva stellte ich fest, dass 8GB RAM bei größeren Scans schnell zum Problem werden.

Falls Sie den Unterschied zwischen Artec Studio 11 mit RealSense R200 und mit Artec Eva sehen möchten: Hier zwei Scans von mir.


3D Systems Sense for RealSense

Diese Software überraschte mich bereits beim Test des RealSense SR300. Sie hat eine gut gestaltete, vollständig tablettaugliche Oberfläche und einfach bedienbare Bearbeitungswerkzeuge, die für ein durchschnittliches sensorbasiertes Scanprojekt ausreichen. Nach dem Start erkannte sie den R200 sofort. Anders als beim SR300 musste keine Hardware-Seriennummer geprüft werden.

Hier das Ergebnis mit der zweithöchsten Geometrieauflösung. Die höchste Stufe verursachte zu viel geometrisches Rauschen:

https://sketchfab.com/models/558822da95ee470f8c230ba30fb6de05

Gegenüber Artec Studio 11 Ultimate zeigt die Geometrie trotz niedrigerer Polygonzahl etwas mehr Details, und die Texturen sind schärfer. Der Text auf dem Buchumschlag ist jetzt lesbar – übrigens ein großartiges Buch.

itSeez3D

Wie erwähnt erzielt itSeez3D für iPad bessere Scans als andere Structure-Sensor-Software. Die iOS-App ist gut gestaltet. Bearbeitungsfunktionen fehlen, doch die Cloudalgorithmen optimieren und beschneiden die Geometrie automatisch sehr ordentlich. Bei der Texturzuordnung schlagen sie jede andere App.

Structure-Sensor-Scans haben meist bessere Texturen als andere Tiefensensoren, weil das Gerät keine eigene RGB-Farbkamera besitzt. Es nutzt die iPad-Kamera, und selbst die meines alten iPad mini 2 ist besser als die Kameras der RealSense-Familie.

Leider kann itSeez3D für Windows nur die eigene RGB-Kamera des R200 verwenden, nicht die 8-Megapixel-Kamera auf der Rückseite des MobileStudio Pro oder anderer Tablets.

Die Windows-Version ist speziell für RealSense R200 entwickelt und bietet dieselbe einfache, tablettaugliche Oberfläche. Sie unterstützt aber nur Personenscans. Nach Auskunft des Entwicklers ist kurzfristig keine Übertragung der Objektfunktion auf Windows geplant. Der Schwerpunkt liegt derzeit auf iPad und Structure Sensor sowie der neuen App für 3D-Spieleavatare aus einem einzigen Selfie.

Die Software verlangt Gesichtserkennung, damit man mit dem Gesicht beginnt. Zum Glück verwende ich für diesen Test ein menschliches Abbild, das überzeugend genug aussieht, um die Erkennung zu bestehen.

Bitte lächeln!

Hier das Ergebnis:

https://sketchfab.com/models/4b1c235da9b540deac023c9d035d1d23

Vermutlich verdeckte ich das auf das Gesicht gerichtete Softboxlicht, sodass dieser Bereich etwas dunkel wurde. Dennoch ist die Texturqualität die beste der 3 getesteten Programme, deutlich sichtbar am Gesicht der Büste.

Zum Vergleich mein Geschäftspartner und Wacom-Cintiq-Fan Patrick, aufgenommen mit itSeez3D für Windows und RealSense R200 auf dem MobileStudio Pro:

https://sketchfab.com/models/52e817255091461a9b4777cf2eaf0fc5

Und ein Scan mit itSeez3D für iOS und Structure Sensor auf einem iPad mini 2 bei identischem Licht:

https://sketchfab.com/models/7bed4aa04f2d4c099fadf2e11b289eca

Da die Geometriedetails ähnlich sind, zeigt der Vergleich gut den Wert hochwertiger Texturen. Die recht verrauschte RGB-Kamera des R200 ist hier der Schwachpunkt.

Noch etwas …

Bisher habe ich die 3D-Scanfähigkeiten des MobileStudio Pro mit dem in den Spitzenmodellen integrierten RealSense-R200-Tiefensensor getestet. Wer meine Website kennt, weiß aber, dass es andere Wege zur 3D-Erfassung gibt. Fotogrammetrie gewinnt mit Softwarealgorithmen 3D-Daten aus gewöhnlichen 2D-Fotos.

Kürzlich testete ich Autodesk ReMake, eine professionelle Windows-Fotogrammetrieanwendung für nur $30 pro Monat oder $300 jährlich in den USA beziehungsweise €35 monatlich oder €350 jährlich in Europa. Sie bietet Cloudverarbeitung gegen zusätzliche Gebühr pro Scan, aber auch lokale Berechnung auf Rechnern mit guter Nvidia-Grafikkarte.

Die Oberfläche von Autodesk ReMake ist nicht für 4K-Displays optimiert. Für bequeme Touchbedienung müssen Sie die Bildschirmauflösung reduzieren.

Die Quadro-Chips der 16-Zoll-Wacom-Tablets verarbeiten kleine Fotoserien mittelgroßer bis kleiner Objekte akzeptabel, insbesondere weil die MSP-Kamera nur 8MP hat. Für mich ist das ein idealer Versuch: Ein Objekt allein mit der Tablethardware vollständig offline dreidimensional erfassen. Die Fotos nahm ich mit der normalen Kamera-App von Windows 10 auf, die leider keine Belichtungssperre bietet.

Zuerst fotografierte ich die Büste kurz in Innenräumen: 60 Bilder bei exakt demselben Aufbau wie für die Tiefensensorscans. Das Ergebnis:

https://sketchfab.com/models/0425dcc9b36b4b1886a611678a3368ac

Geometrie und Textur liegen bereits weit vor den RealSense-R200-Scans. Anders als der Infrarotsensor funktioniert die normale RGB-Kamera zudem draußen. Das zusätzliche Licht reduziert ihr Sensorrauschen. Mit nur 45 Fotos, in etwa einer Minute aufgenommen, lässt sich dann dies erreichen:

https://sketchfab.com/models/30d8d16c891d4000b0b073a45b908d3d

Zur besseren Vergleichbarkeit habe ich diese Grafik erstellt:

Neben der Qualität kostet ein Jahresabo von ReMake Pro weniger als die Hälfte von Artec Studio Ultimate und bietet ähnliche Netzbearbeitungswerkzeuge. Nochmals: Letzteres ist keine schlechte Software. Mit einem professionellen Scanner macht sie Freude. Für Tiefensensoren, zumindest den RealSense R200, halte ich sie aber für überdimensioniert.

Sind Tiefensensoren damit überholt?

Die Grafik oben wirft vermutlich die Frage auf, warum man überhaupt einen Tiefensensor zum 3D-Scannen verwenden sollte.

Eine vollständige Antwort verdient einen eigenen Artikel und hängt vom Zweck ab. Wenn Sie nur eine Grundlage für digitales Sculpting suchen, auf das MobileStudio Pro ausgerichtet ist, reicht ein polygonarmes Modell. Außerdem sind Tiefensensorscans recht maßhaltig, während Fotogrammetrieaufnahmen normalerweise nur einen geschätzten Maßstab besitzen.

Fotogrammetrie funktioniert auch nicht bei jedem Objekt. Personen sind mit nur einer Kamera beinahe unmöglich: Die Algorithmen brauchen genügend Texturvariation und keine Bewegung. Für die interaktive Arbeitsweise von Tiefensensoren spricht zudem, dass sie weniger Wissen erfordert als Fotogrammetrie oder professionelle Scanner.

Tiefensensoren sind also nicht generell überholt. Vielmehr erscheinen jährlich neue. Der R200 im MobileStudio Pro ist schlicht Technologie von 2015. Der SR300 erschien 2016, und Intel kündigte kürzlich die RealSense-400-Serie an. Auch Hersteller wie Orbbec entwickeln laufend neue Sensoren. Da Tiefensensoren meist recht erschwinglich sind, stellt sich die Frage, ob sie fest in Computer und Tablets gehören oder besser bei Bedarf extern angeschlossen werden.

Wer ein MobileStudio Pro kauft, investiert vermutlich für mindestens die nächsten 5 Jahre in Kreativhardware. Die Tiefensensorentwicklung verläuft deutlich schneller.



Fazit

Das Wacom MobileStudio Pro ist ein gut gestaltetes Tablet mit dem derzeit besten Grafikstift und Bildschirm. Es ist eindeutig für Kreativprofis entwickelt. 3D-Künstler werden die Nvidia Quadro schätzen, die es allerdings nur im aus meiner Sicht wenig mobilen 16-Zoll-Modell gibt. Unterwegs würde ich persönlich 13 Zoll bevorzugen, doch Intel Iris 550 ist für meine 3D-Abläufe etwas schwach.

3D-Scanning mit dem integrierten Intel RealSense R200 klingt auf dem Papier spannend. Tatsächlich ist der Sensor älter und liefert enttäuschende Tiefen- und Texturauflösung. Die Kombination aus Structure Sensor und iPad gleicht das über die iPad-RGB-Kamera zur Texturerfassung aus. Für RealSense gibt es dagegen keine kompatible Software, die statt der schwachen R200-RGB-Kamera die 8MP-RGB-Kamera des MobileStudio Pro verwendet.

Überraschenderweise liefert Artec Studio aus dem beiliegenden Jahresabo mit diesem Tiefensensor die niedrigste Scanqualität. Kostenlose Alternativen sind besser, erreichen aber ebenfalls nicht, was man von einem gezielt für visuelle Künstler entwickelten $3000-Tablet erwarten würde.

Ignoriert man den integrierten Tiefensensor, also die „3D-Kamera“, und verwendet die 2D-Kamera mit Fotogrammetrie, entstehen bessere und gut brauchbare 3D-Ergebnisse. Das geht zwar mit jeder Kamera und jedem Computer. Bemerkenswert ist aber, dass der gesamte Ablauf auf diesem Tablet mobil und offline funktioniert. Die 8-Megapixel-Kamera hat vor allem bei wenig Licht Grenzen; Außenaufnahmen lösen dieses Problem. Dank Quadro lassen sich Fotos lokal in Autodesk ReMake oder Agisoft PhotoScan verarbeiten.

Ob Ihnen der Tiefensensor gefällt oder nicht: Praktisch bekommen Sie ihn kostenlos. Mehr Speicher und RAM rechtfertigen bereits den Preis des Spitzenmodells. Für 3D-Scans lässt sich auch einfach ein besserer Tiefensensor oder ein anderer professioneller Scanner anschließen. Sie brauchen allerdings einen USB-Adapter, denn das Tablet bietet nur USB-C und keinen beiliegenden Adapter.

Ab Werk ist das MobileStudio Pro letztlich ein großartiges Gerät zur 3D-Bearbeitung, nicht zum Scannen – zumindest nicht mit der integrierten 3D-Kamera. Digitale Bildhauer und Künstler mit Mudbox oder Zbrush werden Pro Pen 2, den guten Bildschirm sowie deutlich geringere Verzögerung und Parallaxe schätzen. Darin liegt Wacoms Stärke. Es ist vermutlich der direkteste digitale Gestaltungsablauf am heutigen Markt. Die zusätzliche Nutzung als Cintiq dürfte für viele ein Alleinstellungsmerkmal sein. Dadurch stellt sich wiederum die Frage, wie viel Rechen- und Grafikleistung man unterwegs wirklich braucht. Das hängt vollständig vom eigenen Ablauf ab, und viele Kreativprofis suchen diesen Ablauf offenbar noch.

Dieser Beitrag wurde nach Veröffentlichung bearbeitet, um mögliche Einsatzzwecke von Tiefensensorscans besser wiederzugeben.

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