Autodesk ReCap Photo im Test

ReCap Photo ist Autodesks neuestes Produkt zur dreidimensionalen Erfassung der Realität mittels Photogrammetrie. Bevor ich auf den eigentlichen Test eingehe, lohnt sich jedoch ein Blick auf die interessante Entwicklungsgeschichte des Produkts.

Die Geschichte des Produkts

Alles begann mit Project Memento*, Autodesks Versuch, ein Photogrammetrie-Werkzeug von Grund auf neu zu entwickeln. Während der Betaphase war Memento kostenlos für Mac und PC verfügbar. Beide Versionen boten Cloud-Verarbeitung, damals wie heute eine Besonderheit. Nur die PC-Version ermöglichte zusätzlich eine lokale Verarbeitung mit GPU-Beschleunigung von Nvidia.

Als das Projekt Anfang 2017 die Betaphase verließ, wurde es in ReMake umbenannt. Ich veröffentlichte damals einen ausführlichen Test. Vermarktet wurde es als eigenständiges Photogrammetrie-Werkzeug zum Erfassen von Objekten und kleineren Umgebungen. Die kostenlose Version unterstützte bis zu 50 Fotos, was für kleine Objekte ausreichen kann. Zur Information: 3DF Zephyr (Testbericht) ist derzeit die einzige Photogrammetrie-Lösung mit einer kostenlosen Version für maximal 50 Fotos. Wer mehr Fotos laden wollte, damals bis zu 250, konnte ReMake Pro für $30 im Monat oder $300 im Jahr abonnieren. Damit war die lokale Verarbeitung unbegrenzt möglich; für die Cloud-Verarbeitung mussten jedoch zusätzlich Cloud Credits gekauft werden.

ReMake war eine hervorragende Software, die leistungsfähige Photogrammetrie-Algorithmen mit einer innovativen Benutzeroberfläche und zahlreichen Werkzeugen zur Netzbearbeitung verband. Tatsächlich nutzte ich sie manchmal ausschließlich zum Bearbeiten und Bereinigen von 3D-Scans, weil sie mit großen Netzen so gut zurechtkam.

Leider war ReMake nur ein kurzes Leben beschieden: Im März 2017 wurde die Mac-Version eingestellt, und Ende 2017 beschloss Autodesk, ReMake vollständig einzustellen. Seit Dezember ist das Produkt Bestandteil des ReCap-Pro-Abonnements, das $40 im Monat oder $350 im Jahr kostet. Dieses enthält auch die ursprüngliche ReCap-Pro-Softwaresuite, die auf die Verarbeitung und Registrierung von Laserscandaten für Bauwesen und Ingenieurtechnik ausgerichtet ist. Sie ist zugleich die zugehörige Software für den innovativen Laserscanner Leica BLK360.

Passend zu diesem Konzept erhielt ReCap Photo neue Funktionen für die Luftbildphotogrammetrie. Da dieser Bereich derzeit nicht mein Schwerpunkt ist, gehe ich in diesem Beitrag nicht auf UAV- beziehungsweise drohnengestützte Photogrammetrie ein. Ich plane aber, mich künftig damit zu beschäftigen, und werde den Beitrag dann erneut aufgreifen.

Erwähnenswert ist außerdem, dass Autodesk die webbasierte Oberfläche von ReCap 360 stillschweigend eingestellt hat; meinen Test finden Sie hier. Auch sie war früher für bis zu 50 Fotos kostenlos. Ich kenne viele Nutzer, die diesen einfachen Ansatz zur 3D-Erfassung schätzten. Dazu gehöre ich selbst, nicht zuletzt, weil er auch unter Android funktionierte.


*Leser Geoff ergänzte in einem Kommentar interessante Details zur Geschichte von Autodesks Photogrammetrie-Produkten:

„Die Ursprünge von ReCap reichen tatsächlich bis zu einem kleinen, stark manuell bedienten Photogrammetrie-Programm namens RealViz Image Modeler zurück, das ich Anfang der 2000er-Jahre häufig nutzte. Autodesk übernahm RealViz vor 10 Jahren und verkaufte eine Zeit lang Image Modeler und Match Mover. Einige Jahre später erschien das kostenlose ‚Project Photofly‘: im Wesentlichen Image Modeler, ergänzt um automatische cloudbasierte Photogrammetrie. Danach hieß es einige Jahre lang 123D Catch und konnte weiterhin RealViz-Image-Modeler-Dateien öffnen. Vor 2 Jahren wurde 123D Catch eingestellt, um ReMake Platz zu machen, und nun ist daraus ReCap geworden.“

 


Wie unterscheidet sich ReCap Photo vom eingestellten ReMake?

Letztlich ist ReCap Photo weiterhin eine umbenannte Version von ReMake. Es lässt sich nun auch über „Photo to 3D“ in ReCap Pro starten, wird aber als separate Anwendung installiert und kann unabhängig davon geöffnet werden.

Zunächst dachte ich deshalb, es handele sich einfach um eine etwas teurere ReMake-Version. Doch damit lag ich falsch. Layout und Arbeitsablauf sind zwar weitgehend unverändert, Autodesk hat die lokale Verarbeitung jedoch vollständig entfernt. Das bedeutet: Zusätzlich zur Abonnementgebühr verbraucht jeder Scan Cloud Credits!

Die kostenlose Testversion enthält 24 Cloud Credits zum Ausprobieren. Der Verbrauch richtet sich nach der Anzahl der hochgeladenen Fotos:

  • 1 bis 300 Fotos verbrauchen 12 Cloud Credits.
  • 301 bis 700 Fotos verbrauchen 30 Cloud Credits.
  • 701 bis 1.000 Fotos verbrauchen 55 Cloud Credits.

Soweit ich erkennen kann, kostet ein Paket mit 100 Cloud Credits $100 oder 115 € ohne Mehrwertsteuer. Die Verarbeitung einer 3D-Objekterfassung, für die normalerweise weniger als 300 Fotos benötigt werden, kostet somit $12 beziehungsweise 13,80 €. Mehr als 300 Fotos sind Luftbildprojekten vorbehalten. In ReMake kostete die Cloud-Verarbeitung in hoher Qualität 5 Cloud Credits und stand sogar in der kostenlosen Version zur Verfügung. Die Cloud-Nutzung ist in den letzten Monaten also deutlich teurer geworden.

Autodesk hat alle Einstellungen außer „Auto-Crop“, früher „Smart Crop“, entfernt. Die Qualität lässt sich daher nicht mehr wie in ReMake steuern. Dort gab es bei lokaler Verarbeitung die Stufen „Standard“ und „High Quality“ mit jeweils zusätzlichen Optionen.

 

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Offenbar sind sämtliche Qualitätsparameter nun fest auf die höchsten in ReMake verfügbaren Einstellungen gesetzt. Weiterhin enthalten sind die hervorragenden Werkzeuge zur Netzbearbeitung: einfaches Sculpting, das Füllen von Löchern, Glätten von Rändern, Überbrücken von Lücken und das sehr leicht bedienbare Schneidewerkzeug. Ausführliche Beispiele zu jedem Werkzeug und viele weitere Beispielscans finden Sie in meinem ReMake-Test!

Neben den Bearbeitungswerkzeugen bietet ReCap Photo weiterhin die besondere Exportfunktion, die ein hochauflösendes Netz reduzieren und gleichzeitig Normal- und Displacement-Maps erzeugen kann. Das ist ideal für Spiele-Engines und VR-/AR-Anwendungen. Sogar Schnellexport-Voreinstellungen für bekannte Engines wie Unity und Unreal sind enthalten.


Ergebnisse

Für den Vergleich mit ReCap Photo habe ich exakt dieselben Fotoserien verwendet wie in meinem ReMake-Test. Bei beiden Objekten stammt das erste Modell aus ReCap Photo mit Cloud-Verarbeitung, das zweite aus ReMake mit lokaler Verarbeitung:

https://sketchfab.com/models/3969567b48fe425098aede3292504792

https://sketchfab.com/models/fa14207fc232444fbe88156eb0371280

https://sketchfab.com/models/2de0ede38340402288ba30b695ba3eb5

https://sketchfab.com/models/5b7828892546429697212fc974e77a46

Zunächst möchte ich festhalten, dass Autodesks Photogrammetrie-Algorithmen weiterhin erstklassig sind. Um Unterschiede in der Geometriequalität zu beurteilen, muss man tatsächlich in den MatCap-Modus wechseln; drücken Sie dafür die Taste 3. Dann zeigt sich, dass die Ergebnisse von ReCap Photo etwas weicher und weniger detailliert ausfallen. Vermutlich liegt das an der festen Cloud-Voreinstellung: Nutzer können die Qualität nicht mehr wie früher bei der lokalen Verarbeitung in ReMake auf „Detailed/Sharp“ erhöhen.


Fazit

Autodesk hatte offensichtlich Schwierigkeiten, seine Photogrammetrie-Software im Produktangebot einzuordnen. Letztlich entschied sich das Unternehmen für eine Integration unter dem Dach seines zentralen 3D-Scan-Programms ReCap, das sich an die Bau- und Vermessungsbranche richtet.

Diesen Ansatz verstehe und begrüße ich nicht. ReMake war meiner Ansicht nach ein großartiges Programm mit vielen kreativen Möglichkeiten für 3D-Animation und Spieledesign – Bereiche, die Autodesk mit Branchenstandards wie Maya und 3DS Max aktiv unterstützt. Ich hoffe sehr, dass das Unternehmen sein Photogrammetrie-Werkzeug auch diesen Anwendern als Funktion zugänglich machen wird.

Natürlich lässt sich der Großteil der ReMake-Funktionen weiterhin nutzen, indem man ReCap Pro inklusive ReCap Photo abonniert. Das Abonnement ist nur etwas teurer als ReMake früher. Das Hauptproblem besteht jedoch darin, dass Autodesk die hervorragende und durchaus zügige lokale Verarbeitung gestrichen hat – einschließlich der noch besseren Qualität, die sie ermöglichte. Gleichzeitig kostet die Cloud-Verarbeitung nun mehr als doppelt so viel.

So gut die Software also weiterhin sein mag: Für die photogrammetrische Erfassung von Objekten oder kleineren Umgebungen ist ReCap Photo keine naheliegende Wahl mehr. Das gilt besonders angesichts guter Alternativen wie 3DF Zephyr mit einer kostenlosen Version für 50 Fotos und einer erschwinglichen Lite-Version für 500 Fotos, beide ohne Abonnement. Hinzu kommen Agisoft PhotoScan mit einer günstigen Standard- und einer sehr umfangreichen Pro-Version, ebenfalls ohne Abonnement, sowie RealityCapture. Letzteres setzt zwar auf ein Abonnement, ist aber so schnell, dass die Zeitersparnis die Kosten übersteigen kann.

 


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